Noch nie hatte eine Weltmeisterschaft einen so klaren Favoriten. Ungarn reiste mit einer beeindruckenden Serie von 31 Spielen ohne Niederlage (27 Siege, 4 Unentschieden) in die Schweiz. Der Olympiasieger von Helsinki ’52 war nahezu unschlagbar und hatte dem Fußball eine neue Dimension verliehen. Die „Magischen Magyaren“ verloren zwischen 1950 und 1956 nur ein einziges Spiel: das Finale der Weltmeisterschaft. Die Mannschaft von Ferenc Puskás musste sich im Endspiel Westdeutschland geschlagen geben, das in der ersten Runde noch eine 8:3-Niederlage gegen die Ungarn hinnehmen musste. In der Schweiz wurden übrigens in allen Spielen ungewöhnlich viele Tore erzielt. Im Durchschnitt fielen 5,36 Tore pro Spiel, und mit dem 7:5-Sieg Österreichs gegen die Schweiz wurde ein Rekord aufgestellt.
Der FIFA-Kongress von 1946 in Luxemburg entschied sowohl über die Vergabe der WM 1950 als auch der WM 1954. Europa hatte nur einen Kandidaten für 1954. Die Schweiz war im Krieg neutral geblieben, und sowohl die Infrastruktur als auch die Wirtschaft waren unbeschadet aus dem Weltkrieg hervorgegangen. Zudem feierte die FIFA mit Hauptsitz in Zürich ihr fünfzigjähriges Bestehen.
Es schien eine logische, doch es erwies sich als keine glückliche Wahl. Die Organisation war sehr mangelhaft, und die Schweizer Polizei überschritt mehrfach deutlich die Grenzen. Die Nummern drei und vier der WM von 1950 fehlten. Spanien hatte zu Hause mit 4:1 gegen die Türkei gewonnen, in Istanbul jedoch mit 1:0 verloren. Das entscheidende Spiel in Rom endete 2:2, und zum allerersten Mal entschied eine Münze über die Teilnahme an der WM. Schweden schied gegen Belgien aus. Deutschland war als Westdeutschland zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder dabei. Auch der Ostblock war, mit Ausnahme von Polen und der Sowjetunion, wieder mit von der Partie. Südamerika meldete nur vier Mannschaften an, Asien beschränkte sich auf Japan und Südkorea, und Afrika konnte nur Ägypten als unabhängige Nation entsenden. Die anderen Länder hatten noch einen Kolonialstatus und konnten sich nicht anmelden.
Der neue Spielplan war komplex und unlogisch. Es wurden vier Vierergruppen gebildet, und zwei Mannschaften qualifizierten sich für das Viertelfinale. Anstatt in den Gruppen alle gegeneinander spielen zu lassen, hatte das Organisationskomitee die fragwürdige Entscheidung getroffen, jeweils zwei Gruppenköpfe zu benennen, die nur gegen die Nicht-Gruppenköpfe antreten mussten. Die Außenseiter waren stark benachteiligt. Brasilien, Uruguay, Ungarn, England, Italien, Österreich, Frankreich und die Türkei erhielten einen geschützten Status. Da die Wahrscheinlichkeit eines Punktgleichstands groß war, wurde beschlossen, in der ersten Spielrunde bei Gleichstand nach anderthalb Stunden Verlängerung zu spielen. Wenn Mannschaften nach zwei Spielen dennoch punktgleich waren, musste ein Entscheidungsspiel ausgetragen werden.
Abwehrsystem
In zwei der vier Gruppen war ein Entscheidungsspiel notwendig. Italien verlor überraschend gegen die Schweiz (2:1) und konnte sich nur durch den Sieg gegen Belgien (4:1) retten. Die Mannschaft um den neuen Star Giampiero Boniperti von Juventus war innerlich gespalten und kam mit dem Grendelsystem der Schweizer nicht zurecht, die erneut die Oberhand behielten (4:1).
Auch Westdeutschland musste ein zusätzliches Spiel bestreiten, hatte damit jedoch keine Probleme. Die Deutschen starteten mit einem Sieg gegen die Türkei und gaben das zweite Spiel gegen Ungarn im Voraus auf. Sepp Herberger, der bereits seit 1938 an der Spitze der Mannschaft stand, stellte nicht weniger als sieben Ersatzspieler auf. Ungarn gewann deutlich (8:3), errang jedoch einen Pyrrhussieg. Durch einen Tritt von Werner Liebrich gegen den Knöchel von Ferenc Puskás musste der „galoppierende Major“ die folgenden Spiele aussetzen. Westdeutschland setzte sich in der Nachrunde wie erwartet erneut gegen die Türkei durch (7:2) und zog ins Viertelfinale ein. Neben Italien und der Türkei fehlte auch Gruppenerster Frankreich mit Jean Vincent und dem neuen Star Raymond Kopa unter den letzten Acht.
Schlacht von Bern
Ungarn war schwungvoll in das Turnier gestartet: 17 Tore in zwei Spielen. Das Viertelfinale gegen Brasilien war deutlich schwieriger. Die Südamerikaner hatten nur José Bauer aus der Stammelf von 1950 behalten. Der neue Trainer, Zezé Moreira, legte den Schwerpunkt auf mehr Organisation und Realismus. Neue Namen waren Didi und die Außenverteidiger Djalma und Nilton Santos. Die Brasilianer trugen zum ersten Mal das kanariengelbe Trikot mit grünem Kragen, da ihnen das weiße Trikot vier Jahre zuvor im Maracanã kein Glück gebracht hatte.
Mit schnellen Toren von Hidegkuti und Kocsis schien Ungarn das Spiel schon früh im Sack zu haben. Brasilien kam jedoch immer besser ins Spiel und Djalma Santos sorgte vom Elfmeterpunkt aus für den Anschlusstreffer. Nach der Pause durfte Lantos für Ungarn einen Elfmeter verwandeln, doch Julinho sorgte für neue Spannung.
Das Spiel war von Anfang an hart umkämpft gewesen, doch in der Schlussphase geriet es außer Kontrolle. Arthur Ellis, der englische Schiedsrichter, der in einem Länderspiel noch nie einen Spieler vom Platz gestellt hatte, sah sich gezwungen, Bozsik, Nilton Santos und Humberto Tozzi des Feldes zu verweisen. In der letzten Minute stellte Kocsis den Endstand her (4:2), doch das Spiel, das als „Battle of Bern“ in die Geschichte einging, war noch nicht vorbei. Pinheiro wurde auf dem Weg in die Umkleidekabine mit einer Flasche ins Gesicht beworfen. Einigen Quellen zufolge war der verletzte Puskas der Täter. Die Brasilianer stürmten auf die Ungarn zu, die bereits unter der Dusche standen, und es kam zu einer regelrechten Schlägerei. Nur Castilho, Kocsis und Hidegkuti sollen sich herausgehalten haben. Die Disziplinarkommission wusch ihre Hände in Unschuld und überließ die Strafzumessung den nationalen Verbänden. So kamen alle ungeschoren davon.
Torfestival
England, das sich in der ersten Runde nicht von Belgien absetzen konnte, traf auf Uruguay. Stanley Matthews (39) und Juan Schiaffino lieferten sich ein Weltklasse-Duell, doch der englische Torwart Gil Merrick leistete sich einige grobe Fehler (4:2). Westdeutschland gewann überraschend gegen Jugoslawien (2:0). Ivan Horvat, der vielleicht beste Innenverteidiger des Turniers, schoss ein Eigentor, und Helmut Rahn brachte den verletzten Torwart Vladimir Beara zu Fall.
Das Spiel Österreich gegen die Schweiz entwickelte sich zu einem Torfestival. Die Schweizer erzielten in den ersten zwanzig Minuten drei Tore. Österreich reagierte mit drei Toren in drei Minuten, und auf beiden Seiten fielen fünf Tore in sieben Minuten. Zur Halbzeit führte Österreich trotz eines verschossenen Elfmeters (5:4). Theo Wagner vollendete seinen Hattrick für die Österreicher, und Hanappi und Probst sorgten für den Endstand (7:5). Die hohe Niederlage für die Schweiz, die defensivstspielende Mannschaft der WM, war auf die schwache Leistung von Roger Bocquet zurückzuführen. Der Kapitän litt an einem Hirntumor, und der Mannschaftsarzt hatte ihm vom Spielen abgeraten. Der beliebteste Schweizer Fußballer seiner Zeit wollte aber unbedingt dabei sein. „Nach dem Spiel muss ich ins Krankenhaus, und dann ist vielleicht alles vorbei“, sagte er. Nationaltrainer Karl Rappan versuchte während des Spiels vergeblich, ihn davon zu überzeugen, seine Position in der Innenverteidigung aufzugeben. „Es geht schon“, sagte Bocquet, der aufgrund der Hitze angeblich in einer Art Trance gewesen sein soll. Seine Operation verlief glücklicherweise besser als das Spiel.
Schweine
Im Halbfinale stand Österreich mit Ernst Ocwirk und Ernst Happel gegen Westdeutschland. 1938 hatten sie gemeinsam eine Mannschaft gebildet. Österreich beging den kapitalen Fehler, Torwart Schmied durch den berühmten Walter Zeman zu ersetzen, der zuvor wegen Formtiefs seinen Stammplatz verloren hatte. Zeman lief wie ein kopfloses Huhn im Strafraum herum und wusste mit hohen Bällen nichts anzufangen.
Ungarn gegen Uruguay war ein Klassiker. Für viele bleibt es das beste Spiel, das jemals bei einer Endrunde ausgetragen wurde. Beiden Mannschaften fehlten Schlüsselspieler: Ferenc Puskás auf der einen Seite, Obdulio Varela (39) auf der anderen. Das Spiel konnte in jede Richtung gehen. Czibor und Hidegkuti überwanden Torhüter Roque Maspoli, doch in der Schlussphase glich Hohberg für seine Mannschaft aus. Bei seinem zweiten Treffer wurde er so heftig umarmt, dass er kurzzeitig das Bewusstsein verlor. In der Verlängerung schlug das „Goldene Haupt“ von Kocsis zweimal gnadenlos zu. Es war die erste WM-Niederlage Uruguays, das seine beiden vorherigen Teilnahmen jeweils mit dem Weltmeistertitel gekrönt hatte.
Goldene Mannschaft
Niemand hatte Westdeutschland im Endspiel erwartet, und Ungarn war der haushohe Favorit. Die „Magischen Magyaren“ waren bereits seit 31 Spielen ungeschlagen. Die letzte Niederlage datierte vom 14. Mai 1950 (5:3 in Österreich). Die Mannschaft hatte sich ihren Ruf vor allem mit dem 3:6-Sieg 1953 in Wembley erworben, der ersten Niederlage Englands auf heimischem Boden. Ein Jahr später in Budapest blamierten sie die Engländer regelrecht (7:1). Die „Goldene Mannschaft“ war um die Armee-Mannschaft Honved, das frühere und heutige Kispest, herum aufgebaut. Im Tor stand der zuverlässige Grosics. Gyula Lorant und Jozsef Bozsik dominierten das Mittelfeld und waren die Dreh- und Angelpunkte dieser frühen Version des 4-2-4-Systems. Zoltan Czibor und Jozsef Toth fegten die Flügel ab. Nandor Hidegkuti spielte knapp hinter dem Stürmerduo Kocsis-Puskas. Sandor Kocsis und Ferenc Puskas bildeten wohl das tödlichste Stürmerduo der Fußballgeschichte. Zusammen erzielten sie 158 Tore im Nationaltrikot.
Die entscheidende Frage vor dem Finale war, ob Puskas spielen würde. Die Überzeugungskraft des Majors setzte sich gegen den gesunden Menschenverstand von Manager Sebes und Trainer Mandi durch. Ein nicht ganz fitter Puskas stand auf dem Platz und erzielte im Wankdorf-Stadion in Bern sogar den Führungstreffer. Nach acht Minuten baute Czibor die Führung aus. Dieser Vorsprung hätte ausgereicht, um jeden Gegner zu zermürben. Aber nicht Deutschland. Morlock schlug drei Minuten später zurück, und nach etwa einer Viertelstunde gelang Rahn der Ausgleich. Die Ungarn starteten nach der Pause eine neue Offensive, doch Puskas wurde immer deutlicher durch seine Knöchelverletzung behindert. Hidegkuti vergab die große Chance und Rahn traf im Konter. Zwei Minuten später erzielte Puskas doch noch einen Treffer, doch der walisische Linienrichter Mervyn Griffiths erkannte den Ausgleich wegen (zweifelhafter) Abseitsstellung nicht an.
Panzer in den Straßen von Budapest
Jules Rimet, der scheidende FIFA-Präsident, überreichte den für Ferenc Puskas bestimmten Pokal an Fritz Walter. Sepp Herberger lobte die Ernsthaftigkeit, die Begeisterung, die Mentalität und die körperliche Stärke seiner Mannschaft. Kurz nach der WM erkrankten mehrere Spieler an Gelbsucht. Bald wurde gemunkelt, dass Aufputschmittel den deutschen Sieg erleichtert hätten.
Das machte die Ungarn noch trauriger. Das WM-Finale war ihre einzige Niederlage in sechs Jahren. Nach der Weltmeisterschaft blieben sie erneut 18 Spiele ungeschlagen. Die nächste Niederlage wurde am 19. Februar 1956 in der Türkei verzeichnet. Die Mannschaft löste sich im Oktober 1956 nach dem Einmarsch russischer Panzer in die ungarische Hauptstadt auf.
Weltmeister Deutschland
Ungarn hatte die beste Mannschaft der Welt, Westdeutschland war die stärkste Mannschaft der Weltmeisterschaft. Die Mannschaft von Sepp Herberger war um den FC Kaiserslautern herum aufgebaut, mit Spielern wie Horst Eckel, Ottmar Walter und vor allem seinem Bruder Fritz Walter.
Josef „Sepp“ Herberger (28.3.1897 – 28.4.1977) war der Begründer der deutschen Nationaltrainer-Dynastie. Er spielte zwischen 1921 und 1925 selbst dreimal für Deutschland. 1932 wurde er Assistent von Bundestrainer Dr. Otto Nerz. Nach den enttäuschenden Ergebnissen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin übernahm er die Leitung. Sepp Herberger wurde 1963 von seinem rechten Mann Helmut Schön abgelöst.
Friedrich „Fritz“ Walter wurde am 31. Oktober 1920 geboren. In seinem ersten Länderspiel im Juli 1940 erzielte er einen Hattrick gegen Rumänien (9:2). Vierzehn Jahre später wurde er im Alter von 33 Jahren Weltmeister. Vier Jahre später war er in Schweden erneut dabei, doch die Mannschaft scheiterte damals im Halbfinale am Gastgeber.
Einige Monate später beendete er seine Karriere aufgrund einer doppelten Verletzung. Fritz Walter bestritt 61 Länderspiele und erzielte 33 Tore für die deutsche Nationalmannschaft. Er war ein kompletter Fußballer und ein echter Anführer. Der Kapitän der Weltmeister war zudem ein Freistoßspezialist. Der Betzenberg, die Heimstätte von Kaiserslautern, wurde in Fritz-Walter-Stadion umbenannt.
Helmut Rahn spielte beim Gewinn des Weltmeistertitels eine ebenso wichtige Rolle wie Fritz Walter. Der Rechtsaußen von Rot-Weiß Essen wurde erst in letzter Minute in den Kader aufgenommen. Rahn war mit seinem Verein auf Tournee in Südamerika, wo er mit Nacional aus Montevideo über einen Vertrag verhandelte, als er ein Telegramm von Herberger erhielt, sofort nach Europa zurückzukehren.
Rahn (16.8.1929) erzielte im Finale zwei Tore. In 40 Länderspielen schoss er 21 Tore. Von Rot-Weiss Essen wechselte er nacheinander nach Köln, ins niederländische Enschede und nach Duisburg.